Die Erlaubnis-Imagination:
Interview mit Mike Hellwig
über seine persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse aus seiner jahrelangen
Arbeit mit dem Familienstellen nach Bert Hellinger
geführt von Tanja Kwiatkowski
Herr Hellwig, Bert Hellinger ist immer wieder in die Kritik, besonders auch in
den Massenmedien, geraten. Wurden Sie bei Ihrer Arbeit mit der Kritik an Herrn
Hellinger konfrontiert und wie sieht Ihre persönliche Haltung dazu aus?
Ich erinnere mich an ein Familienaufstellen-Seminar vor etwa zwei Jahren. Damals
war die Hellinger-Kritik auf ihrem bisherigen Höhepunkt: Teilnehmer fragten
mich: „Arbeitet der wirklich so brutal?“ und zeigten mir einen Bericht
im „Spiegel“, andere fragten: „Ist der tatsächlich ein
Nazi?“ In der FAZ gab es da einen großen Artikel, der diese Vermutung
nahe legte, zudem hatte die ARD gerade eine Reportage gezeigt, die Hellingers
neuen Wohnsitz ins Visier nahm, ein ehemaliges Hauptquartier der SS. Die Teilnehmer
waren sehr irritiert.
„Alles Blödsinn!“ sagte ich damals. „Hellinger wohnt in
diesem SS-Haus, weil er in seinem Herzen einen Platz für die Nazis schafft.
Er söhnt sich mit den Tätern aus, das ist der Grund!“ Das entspannte
die Gesichter und man konnte mit dem Seminar beginnen.
Ich hatte ja Bert Hellinger, den Begründer des Familienaufstellens, schon
in einigen Fortbildungen persönlich kennen gelernt. Ich wusste daher, dass
er provozierend direkt vorging. Seine Annahme ist, dass Täter und Opfer immer
zusammen gehören, und sich erst dann aussöhnen können, wenn ein
so genanntes höheres Schicksal in den Blick kommt, das beide erfasst. Um
die heikelsten Punkte zu erwähnen: bei sexuellem Missbrauch soll der Täter
also nicht allein verantwortlich sein, ebenso sollen beim Massenmord an den Juden
die Nazis nicht allein schuld sein. Nach Hellinger sind Täter und Opfer von
einem höheren Schicksal in den Dienst genommen, sie sind daher sozusagen
gleich schuldig oder gleich nicht schuldig. Das sind Thesen, die für Betroffene
absolut unerträglich sind. Hellingers Idee dabei ist jedoch, dass Versöhnung
erst möglich ist, wenn dem Täter das Menschsein nicht mehr abgesprochen
wird.
So sehr ich damals von diesem Gedanken fasziniert war und mir persönlich
durch die Methode des Familienstellens Frieden mit meiner Herkunftsfamilie erhoffte,
so muss ich heute – nach Jahren intensiver Selbsterfahrung – sagen,
dass ich diesen Gedanken für falsch und sogar gefährlich halte. Mein
Herz schlägt definitiv für die Betroffenen.
Können Sie unseren Lesern, bevor Sie uns von Ihrer persönlichen
Begegnung mit Herrn Hellinger berichten, bitte kurz schildern, wie diese Methode
des Familienstellens funktioniert?
Wir wählen aus einer Gruppe Stellvertreter für unsere Familienmitglieder
aus. Obwohl diese Stellvertreter in der Regel nichts von unserem Familiensystem
wissen, bilden sie überraschenderweise ziemlich exakt die Dynamik unserer
Familie ab. Dann wird es intensiv, wir stehen vor unseren Eltern: „Papa,
Mama, ich hätt´
euch doch so gebraucht!“ Wenn wir ihnen das sagen, kommt der Schmerz hoch,
der unter unserer Ablehnung liegt. Die Eltern sagen: „Es tut uns leid, wir
konnten nicht, wir waren zu besetzt mit unserem eigenen Schicksal!“ Vielleicht
suchten unsere Eltern ihr ganzes Leben lang nach dem eigenem früh verstorbenen
Vater, der Mutter oder einem Geschwister. Sie waren nicht frei, uns wirklich Vater
oder Mutter zu sein. Was wir deshalb als Kinder erlitten, muss vor dem schweren
Schicksal unserer Eltern zurücktreten. Sie sind die Großen, sie waren
vor uns da, wir sind nur die Kleinen. Selbst wenn unsere Eltern uns missbrauchten,
dürfen wir es ihnen nicht vorwerfen. Wir dürfen sie nicht ablehnen,
sonst schneiden wir uns von unseren Wurzeln ab. Wir müssen anerkennen, was
ist, und demütig zustimmen, so will es Hellinger. Damit sollen wir i unsere
Kraft kommen. Es ist eine intensive, tränenreiche Arbeit – aber funktioniert
sie auch?
Hellinger lehnt jede Evaluierung, jede Überprüfung ab. Er sagt, die
Bewegungen in unserer Seele seien nicht zu messen.
Sie haben Herrn Hellinger persönlich erlebt. Wie war es für
Sie, mit ihm zu arbeiten?
Zunächst einmal möchte ich Ihnen schildern, unter welchen Rahmenbedingungen
man überhaupt mit Hellinger arbeitet. Es war ausgesprochen schwierig, zu
Hellinger vorzudringen. Es hieß damals, Hellinger würde sein letztes
Seminar in Deutschland geben, er ist ja um die achtzig. Von den etwa 1000 Teilnehmern
hatten 500 den Wunsch, wie ich, mit Hellinger zu arbeiten. Zwanzig davon sollten
drankommen. Irgendwie gelang es mir, mich unter die wenigen Auserwählten
auf die Bühne hochzuarbeiten. Währenddessen bekam ich aber einen Geschmack
davon, wie Hellinger mit einem umgehen kann: „Mit dir arbeite ich nicht!“
Zack. „Du achtest mich nicht! Du kannst gehen!“ Peng. Dabei hatten
sie gerade einmal zwei, drei Worte gesagt – sie verstanden gar nicht, dass
es schon vorbei sein sollte – Helfer mussten sie von der Bühne führen.
An Hellinger, diesem Fels in der Mitte der Bühne, schien jede Anfechtung
abzubranden. Schließlich waren wir noch fünf, ich saß ganz außen,
eine ungünstige Position. „Mit einem arbeite ich noch! Wer will?“
Dann schossen die Hände duellartig hoch, manche schnipsten sogar wirklich
mit den Fingern, wie in der Schule. Die Leute neben mir bogen sich so weit nach
vorne, dass mein Sichtkontakt zu Hellinger abriss. Der konnte mich eigentlich
gar nicht mehr auswählen. Das war der Moment, wo ich aufgab. Mir war das
ganze zu dumm und ehrlich gesagt, zu demütigend. Außerdem saßen
da unten, unter den Zuschauern, auch Leute, die zu meinen Kursen kamen. Und da
war auch eine Kamera, die gnadenlos alles filmte. Wenn ich mir vorstellte, Hellinger
würde mich fertigmachen und später könnte das jeder auf Video kaufen,
im Grunde war das Ganze viel zu riskant für mich ...
Dann sagte Hellinger: „Mit den Eifrigen arbeite ich gar nicht erst! Aber
mit dir!“ Und zeigte auf mich.
Das hört sich ja nicht gerade angenehm an. Kann man sich unter solchen
Bedingungen überhaupt auf so eine Arbeit einlassen? Wie ging es weiter?
Im Saal gab es jedenfalls keinen Mucks mehr, als ich mich neben Hellinger setzte.
Und Hellinger sagte auch nichts. Es vergingen Minuten, endlos lange Minuten, in
denen ich da saß und das Surren der Scheinwerfer hörte. Schweißtropfen
liefen mir die Schläfen hinunter, während ich mich ermahnte, bloß
nicht als erster zu sprechen. Ich dachte, sonst sagt Hellinger: „Du bist
noch nicht soweit! Kannst gehen!“
„Was ist es bei dir?“ Hellinger hatte dann tatsächlich doch noch
gesprochen. Okay, dachte ich dann, trotz aller Bedenken, wenn ich schon mit ihm
arbeiten darf, dann auch richtig: „Anfälle von Todesangst!“ In
der Tat war das ein Symptom, dass sich bei mir entwickelt hatte, seitdem ich Familienstellen
machte. „Aha!“ sagte Hellinger und schaute mich durch die riesigen
Brillengläser an. Mein Vater hatte auch immer eine Brille getragen. Tatsächlich
fühlte ich mich, als ob ich wieder vier war und Angst vor meinem unberechenbaren
Vater hatte. „Die Todesangst gehört nicht dir. Du kannst sie tragen,
deswegen hast du sie!“ „Gehe nach innen“, fuhr er fort, „
zu demjenigen, dem es gehört, und sage: ich trage es für dich! Bei mir
ist es sicher.“ Ich schloss die Augen, fragte nach Innen: Hallo, ist da
jemand? Keine Ahnung, ob da jemand war. Jedenfalls sagte ich, was Hellinger mir
aufgetragen hatte. Als ich meine Augen wieder öffnete, hörte ich: „Das
ist dein Schicksal!“ Damit war ich entlassen.
Es erfordert offensichtlich einigen Mut, sich mit Herrn Hellinger persönlich
zu konfrontieren. Wie ist es Ihnen dann nach diesem Seminar ergangen? Hatte diese
Begegnung Ihr Problem gelöst?
Diese Begegnung hatte erhebliche Konsequenzen für mich. Sie führte dazu,
dass ich einige Wochen später meine Familienstellen-Seminare absagte. Warum?
Nach zehn eigenen Aufstellungen bei namhaften Aufstellern und schließlich
der Arbeit beim Meister persönlich war meine Todesangst schlimmer als jemals
zuvor. Sie einfach als mein Schicksal hinzunehmen, befand ich als eine groteske
Idee. Zumal ich vorher – bevor ich mich mit dem Familienstellen nach Hellinger
beschäftigte – nie so ein Symptom gehabt hatte. Meine Idee war, dass
mir das Familienstellen nicht bekam. Dass es etwas in mir gibt, es sich massiv
gegen das Prinzip des Familienstellens – dem demütigen Zustimmen eines
schweren Schicksals – wehrt. Aber ich war zu dem Zeitpunkt noch nicht soweit,
zu erkennen, was das ist. Damals war ich niedergeschlagen, weil ich meine mehrjährige
Arbeit als gescheitert betrachtete. Auch kamen die Teilnehmer meiner Familienstellen-Seminare
immer wieder. Sie wurden nicht wirklich frei und gelöst, sondern entwickelten
immer wieder neue Probleme, die sie mit Hilfe des Familienstellen lösen wollten.
Meine schonungslose Einsicht aber war, dass das Familienstellen nach dem Konzept
von Hellinger zwar eine intensive Arbeit ist, aber nicht funktioniert. Im Gegenteil,
mein Eindruck ist, sie schwächt und macht abhängig, am Ende glaubt man
sogar nicht einmal mehr, dass man das Recht auf ein volles, glückliches Leben
hat. Das ist deprimierend.
Das heißt ja, dass Sie einen Teil Ihrer langjährigen Arbeit
abgelegt haben. Wie ich finde, ein sehr mutiger Schritt. Damit war Ihre innere
Aufarbeitung des Erfahrens sicherlich noch nicht beendet. Wie sehen Ihre heutigen
Erkenntnisse aus?
Ja, vor allem aber war es ein ehrlicher Schritt. Wenn etwas bei mir selbst nicht
funktioniert, dann arbeite ich nicht mehr damit. Ich wusste damals noch nicht,
dass ich mit der Abkehr vom Familienstellen meine Heilung eingeleitet hatte. Ich
wusste auch noch nicht, dass meine Todesangst im Grunde eine stimmige und gesunde
Reaktion auf die Glaubensmuster des Familienstellens war. Anders gesagt, mit mir
war alles in Ordnung, nur scheinbar mit dem Familienstellen nicht.
Ich fand das aber erst in der Zeit danach heraus, wo ich mich von meiner therapeutischen
Arbeit völlig zurückzog. Ich hatte da ja noch ein kleines Problem, nämlich
meine Todesangst. Ich erinnere mich, wie ich jede Nacht Zettel herumschob als
Stellvertreter für meine Eltern, Großeltern und mich selbst. Nichts
half. Die Lösung fand ich erst, als ich fragte, welcher Teil in mir diese
fürchterliche Angst hatte zu sterben. Die Antwort kam sofort und war für
mich überwältigend: es war mein inneres Kind.
Was ist mit dem inneren Kind gemeint? Können Sie unseren Lesern genauer
erklären, was das innere Kind ist?
Ja, das innere Kind ist eine Instanz, die jeder von uns in sich trägt, es
ist unser authentischer Kern, der Sitz unserer wirklichen Gefühle, Wenn wir
uns wirklich freuen, wenn wir spielen, wenn wir ganz und gar in der Gegenwart
aufgehen, dann ist unser inneres Kind am Werke. Wenn wir gedämpft und gebremst
oder sogar depressiv sind, unterdrücken wir dieses Kind. Wir verbieten es
in uns.
Die meisten Menschen haben den Kontakt zu ihrem inneren Kind verloren und verbieten
es. Wie unsere Eltern uns als Kinder Verbote auferlegten, so erlegen wir uns heute
innerlich die gleichen Verbote auf. Wir glauben, dass es Dinge in uns gibt, die
wir verbieten müssen. Insofern empfinden wir wirkliches Glück, wenn
wir unserem inneren Kind erlauben zu spielen. Das Familienstellen tötet das
innere Kind. Deswegen wird man auch so unglücklich, wenn man sich mit Familienstellen
beschäftigt. Denn die Gefühle des inneren Kindes, die Angst, der Schmerz,
die Verlassenheit, alles was wir empfanden, weil die Eltern etwas getan haben,
sollen vor diesem höheren Schicksal der Eltern zurücktreten. Aber das
trennt uns von unseren ureigenen Gefühlen ab, dadurch werden unsere authentischen
Gefühle entwertet. Unser inneres Kind interessiert sich gar nicht für
das Schicksal unserer Eltern. Auch das Schicksal der Großeltern, der Krieg,
die Nazis, Hitler, alles was beim Familienstellen hochgezerrt wird, das ist unserem
inneren Kind völlig egal. Es lindert seine Schmerzen nicht. Unser inneres
Kind, das so wie es war, von unseren Eltern verboten worden ist, hat Schmerzen,
und das ist unser schlimmstes und tiefstes Gefühl. Für unser inneres
Kind ist sein eigenes Schicksal das Schwerste. Das Schicksal unserer Eltern wiegt
dagegen wenig. Als ich mich selber meinem inneren Kind gegenüberstellte und
ihm sagte, dass ich jetzt die neuen Eltern bin, und zwar die, die es sich immer
gewünscht hat, passierte das Wunder; meine Todesangst war schlagartig weg.
Nicht nur das: ich fühlte mich zum ersten Mal ganz. Heil. Und endlich frei!
Hat sich aus dieser eigenen inneren Heilung etwas entwickelt, was auch
anderen Menschen helfen kann?
Aus dieser Erfahrung ist nun ein Ansatz entstanden, den ich die Erlaubnis-Imagination
nenne: in sieben „Schnitten“ soll sie uns von den Lasten unserer Herkunft
befreien und den Weg zu unserem inneren Kind erschließen: zu den Gefühlen,
die unsere tiefsten sind. Ist dieser Kontakt hergestellt, sagt uns unser inneres
Kind alles, was wir wissen müssen. Damit ist unsere Suche am Ziel, unser
ewiges Psychodrama ist beendet.
Jetzt brauchen wir keine äußere Autorität mehr, die uns sagt,
was richtig und falsch ist. Wir brauchen auch kein einschränkendes, Glaubenssystem,
in dem der Mensch einem übermächtigen Familienschicksal unterworfen
sein soll. Wir haben etwas Interessanteres zu tun, als ewig an unseren Eltern
herumzudoktern, etwas viel Beglückenderes: wir selbst werden unserem inneren
Kind zu liebenden, interessierten und starken Eltern: wir geben unserem verlassenen
Kind genau die Eltern, nach denen es sich immer gesehnt hat. Das macht uns ganz.
Vielen Dank für das Gespräch